Maskenpflicht im Einzelhandel – Ein Ländervergleich

Deutschland diskutiert über die Maskenpflicht im stationären Einzelhandel. Unsere Nachbarn haben die Maskenpflicht gar nicht erst eingeführt (Niederlande, Schweiz) oder schon wieder abgeschafft (Österreich). Sind die Handelsumsätze in Ländern ohne Maskenpflicht höher? Wächst der Onlinehandel in Deutschland stärker als anderswo, weil Konsumenten die Läden meiden? Dieser Beitrag vergleicht die Umsatzentwicklung im Einzelhandel in den vier Ländern.

Maskenpflicht unterschiedlich geregelt

Die Maskenpflicht ist in vielen Ländern unterschiedlich geregelt: während in Deutschland eine generelle Maskenpflicht besteht, hat sich Österreich Mitte Juni von dieser verabschiedet. In der Schweiz und den Niederlanden galt nie eine allgemeine Pflicht zum Tragen von Masken im Einzelhandel. Fraglich bleibt nun, ob sich die Handelsumsätze in diesen Ländern unterschiedlich entwickelt haben. Der deutsche Einzelhandel beschwert sich über die Maskenpflicht als Umsatzhemmnis. Auch einige Bundesländer überlegen, die Maskenpflicht abzuschaffen. Haben Länder, in denen im Handel keine Maske getragen werden muss, sich schneller von der Krise erholt? Gefährdet die Maskenpflicht gar die wirtschaftliche Erholung?

Mögliche negative Effekte der Maskenpflicht

Negative Effekte der Maskenpflicht könnten in zwei Bereichen entstehen:

  • Kundenfrequenz: Kunden könnten Läden meiden, da sie keine Maske dabei haben, oder den Einkauf mit Maske als unangenehm empfinden. Dies könnte vor allem spontan handelnde Kundengruppen betreffen (z.B. Touristen oder Personen, die eigentlich nur bummeln wollten). Aber auch solche, die im Laden ein Einkaufserlebnis suchen, könnten abgehalten werden. Transaktionale Käufe (z.B. Lebensmittel) dürften hingegen kaum betroffen sein.
  • Umsatz je Kunde: der Umsatz pro Kunde im Laden könnte sinken, da Kunden nur die nötigsten Käufe erledigen, statt sich inspirieren zu lassen. Hintergrund könnte hier das als unangenehm empfundene Tragen einer Maske sein. Die Zeit im Laden und Kaufwahrscheinlichkeit könnte sinken, bzw. Querverkäufe erschwert werden. Im Handel wird das häufig als „Kaufunlust“ beschrieben.

Folgt man dieser Argumentation, dürften vor allem Branchen betroffen sein, die vom Einkaufserlebnis und Inspiration vor Ort leben, betroffen sein (z.B. die Modebranche). Andere Branchen hingegen, für die ein gewisser Kaufdruck entsteht (z.B. Lebensmittelhandel, Gartenmärkte – Stichwort „Sommer daheim), dürften weniger betroffen sein.

Auch argumentieren Gegner der Maskenpflicht häufig über eine Stärkung des Onlinehandels: da es mit Maske unangenehm sei, im stationären Einzelhandel einzukaufen, würden Verbraucherinnen und Verbraucher sich stärker dem Onlinehandel zuwenden. Daher ist die Umsatzentwicklung im Onlinehandel von besonderem Interesse.

Der mögliche negative Effekt einer Maskenpflicht könnte durch Gewohnheitseffekte hingegen geschwächt oder sogar aufgehoben werden. Verknappt: Verbraucherinnen in Ländern wie China, Japan oder Taiwan kaufen auch nicht weniger ein, nur weil sie eine Maske tragen. Gleichzeitig könnte die Maskenpflicht auch den positiven Effekte haben, dass sie das Einkaufen für Verbraucher gefühlt sicherer macht (ganz unabhängig davon, ob das tatsächlich der Fall ist). Insgesamt ist der vermutliche Umsatzeffekt der Maskenpflicht also nicht eindeutig — ein guter Grund für eine Untersuchung.

Datenquelle und Einschränkungen

Diese Analyse soll einen ersten Einblick mittels „harter Zahlen“ liefern. Die Analyse beruht auf statistischen Daten der Statistikämter der jeweiligen Länder (Verweise am Ende dieses Beitrages). Dabei gibt es drei Einschränkungen, die man beachten muss. Erstens, die Daten sind relativ gut, aber nicht perfekt vergleichbar. Bestimmte Handelsbranchen werden leicht unterschiedlich kategorisiert und zusammengefasst. Die Daten sind nominal (d.h. nicht inflationsbereinigt) und nicht korrigiert (z.B. um unterschiedliche Öffnungstage je Monat), da so die Datenbasis verbreitert werden konnte. Das könnte zu leichten Verzerrungen führen.

Zweitens, die zugrunde liegenden Daten sind zum Teil durch die Statistikämter geschätzt und – da es sich um Monatsdaten handelt – mit einem gewissen statistischen Fehler behaftet. Vor allem in Krisensituationen funktionieren übliche Prognosemodelle weniger gut.

Drittens, gibt es neben der Maskenpflicht zahlreiche unbeobachtete Variablen die die Handelsumsätze stark beeinflussen (z.B. Ladenschließungen, Konjunkturpakete, Wetter). Die hier vorliegende Interpretation nimmt diese Einschränkungen allerdings bewusst in Kauf, um überhaupt eine Aussage treffen zu können.

Umsatzentwicklung im Ländervergleich

Abb. 1a stellt die Umsätze im gesamten Einzelhandel gegenüber dem jeweiligen Vorjahreszeitraum getrennt nach Ländern dar. Hierbei sind vor allem drei Beobachtungen relevant:

  1. Der Verlauf der Handelsumsätze ist in den Ländern ähnlich, mit einem Tiefpunkt im April und „Aufholeffekten“ im Mai. Die Umsatzentwicklung im Mai ist sehr ähnlich (3,8% bis 6,5%).
  2. In der Gesamtperspektive (d.h. inkl. Lebensmittelhandel) scheinen die Niederlande besser durch die Krise gekommen zu sein als beispielsweise Deutschland. Betrachtet man die Branchen einzeln, siehe Abb. 2, könnte dies aber auch mit unterschiedlichen Öffnungszeitpunkten der Läden zu tun haben.
  3. Der Handel in Österreich scheint am stärksten durch die Corona-Krise getroffen worden zu sein. Da für Mai noch keine Daten vorliegen, lässt sich zu einer möglichen Erholung hier leider noch nichts sagen.
Umsätze im Einzelhandel im Ländervergleich
Abb. 1: Umsätze im Einzelhandel in verschiedenen Ländern

Identischer Umsatzverlauf ohne Lebensmittelhandel

Betrachtet die Umsatzentwicklung ohne den Lebensmitteleinzelhandel (Abb. 1b), sieht man, dass sich das Bild noch stärker gleicht.

  1. Der Verlauf der Handelsumsätze in Deutschland und den Niederlanden ist fast identisch. Das ist hinsichtlich eines möglichen negativen Effekts der Maskenpflicht erstaunlich, da man gerade hier einen negativeren Verlauf in Deutschland erwarten würde.
  2. Der Rückgang in der Schweiz war stärker, aber auch hier nähern sich die Umsätze wieder dem Vorkrisenniveau an. Für Österreich lagen leider keine branchenspezifischen Umsatzdaten vor.

Aus diesen Daten lässt sich – bei aller Vorsicht hinsichtlich Vergleichbarkeit und unbeobachteter Effekte – keine Indikation dafür ableiten, dass eine Maskenpflicht dem Einzelhandelsumsatz, zumindest im Durchschnitt, schadet.

Deutschland-Niederland: keine Indikation für negativen Effekt der Maskenpflicht

Abb. 2 detailliert die Analyse nach Branchen. Hier kann nur ein Vergleich Deutschland-Niederlande vorgenommen werden, da kategoriale Daten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorliegen (Österreich) oder sich die Kategorisierung zu stark unterscheidet (Schweiz). Für die Frage nach der Maskenpflicht sind drei Beobachtungen besonders relevant:

  1. Umsätze im Modehandel nahmen in beiden Ländern im April ähnlich stark ab und hinken auch noch im Mai stark zurück. Die Kaufzurückhaltung in Deutschland könnte also nicht durch die Maskenpflicht verursacht sein, sondern durch andere Effekte (z.B. weniger Business-Mode durch Home-Office, weniger Geld für Modelartikel), die so auch in den Niederlanden vorliegen.
  2. Am Umsatz von Händlern für Möbel, Inneneinrichtung und Baumärkten sieht man (a) den neuen Fokus auf Haus und Heim („Neuer Biedermeier“), aber auch (b) die unterschiedlichen Ladenschließungen. Während in den Niederlanden Baumärkte durchgängig geöffnet (und populär) blieben, waren Baumärkte in vielen deutschen Bundesländern noch im April geschlossen. Hier sieht man stärkste Abweichung zwischen den Ländern (-23% vs. +19% im April), die vermutlich auch den weniger negativen Gesamteffekt in den Niederlanden (sieh Abb. 1a) erklären dürfte.
  3. Der Onlinehandel profitiert in beiden Ländern, aber nicht so, wie es Maskengegner vermutet hätten: sowohl in Deutschland als auch den Niederlanden wächst E-Commerce stark, aber in den Niederlanden (ohne Maskenpflicht) noch stärker als in Deutschland. Diese Daten lassen den Schluss, dass die Maskenpflicht die Verbraucherinnen in den Onlinehandel treibt, also nicht zu.
Umsätze im Einzelhandel - nach Ländern und Branchen
Abb. 2: Umsätze im Einzelhandel nach Ländern und Branchen

Vorläufiges Credo: Daten zeigen keinen negativen Effekt der Maskenpflicht

Aus den vorliegendenden Daten lässt sich kein negativer Effekt der Maskenpflicht ableiten. Die Handelsumsätze in Deutschland verhalten sich sehr ähnlich wie in Ländern ohne Maskenpflicht. Branchenspezifische Umsätze lassen sich vermutlich eher mit der Dauer von Zwangsschließungen, als mit der Maskenpflicht erklären. Der Onlinehandel, der häufig als Profiteur der Maskenpflicht gesehen wird, wächst in den Niederlanden (ohne Maskenpflicht) stärker als in Deutschland (mit Maskenpflicht).

Kein Freibrief für die wirtschaftliche Unbedenklichkeit der Maskenpflicht

Die Abwesenheit eines belegbaren negativen Effekten der Maskenpflicht ist aus wissenschaftlicher Sicht allderings noch kein kein Freibrief für deren wirtschaftliche Unbedenklichkeit. Es handelt sich hier um eine erste Analyse. Uns liegen zu wenige Datenpunkte (d.h. Monate und Länder) vor, um eine „wasserdichte“ Analyse durchzuführen. Die Ergebnisse könnten sich im Lichte neuer Daten (Juni) ändern (etwa durch eine größere Zurückhaltung nach anfänglichen „Inventarkäufen“ im Mai). Auch bilden die Daten nur Durchschnittswerte ab; jeder Händler ist sicher unterschiedlich betroffen. Außerdem gibt es zahlreiche unbeobachtete Effekte (z.B. Ladenschließungen, Konjunkturpakte oder Wetter) und die statistische Vergleichbarkeit über Ländergrenzen könnte zumindest eingeschränkt sein.

Nichtsdestotrotz: in einer häufig emotionalen und gefühlsbasierten Diskussion sind wenige Daten sind besser, als keine. In diesem Sinne hoffe ich, mit der vorliegenden Analyse zur Transparenzschaffung beitragen zu können.


Datenquellen (je neuste verfügbare Daten):

Nominal, unbereinigt (d.h. keine Korrektur für unterschiedliche Anzahl von Handelstagen) — die Daten wurden weitestgehend aus Pressemitteilungen und Berechnungen der Statistikämter übernommen. Ausnahme: Niederlande, da die Pressemitteilungen dort bereinigte Informationen enthalten.